Alte Steine im Waldviertel – Kreuzmale zwischen Geschichte, Sage und Erinnerung

 

Wer im Waldviertel unterwegs ist, geht oft achtlos an ihnen vorbei: kleine, verwitterte Steinkreuze am Straßenrand, im Wald oder neben alten Fabriksgebäuden. Doch gerade diese unscheinbaren Denkmäler gehören zu den ältesten Kulturspuren in unserer Landschaft. Manche sind Jahrhunderte alt, manche tragen geheimnisvolle Namen – „Schwedenkreuz“, „Sühnekreuz“, „Kreuz des Schweigens“ – und um viele ranken sich Sagen, Legenden und Geschichten, die mindestens so spannend sind wie ihre tatsächliche Historie.

 

 

In diesem Beitrag stelle ich mehrere dieser Kreuze vor, zeige, was sie bedeuten können, wo sie stehen – und welche Geschichten sie dem Waldviertel eingeschrieben haben.


Was bedeuten diese Kreuze eigentlich? – Eine kurze Typologie

 

Bevor wir zu den einzelnen Beispielen kommen, hilft ein Blick auf die Begriffe: Denn nicht jedes „Schwedenkreuz“ hat etwas mit Schweden zu tun und nicht jedes alte Steinkreuz ist ein „Sühnekreuz“.

 

Hochkreuz

Große, deutlich sichtbare Steinkreuze – meist entlang von Wegen oder als Landmarken errichtet.

 

Steinkreuz / Flurkreuz

Schlichte Kreuze, oft aus Granit, die an Wegen, Feldern oder Waldrändern stehen. Sie können als Wegmarkierung, Dankmal, Schutzsymbol oder Erinnerung errichtet worden sein.

 

Sühnekreuz

Wurde bei mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Sühneverträgen aufgestellt: Der Täter eines Totschlags musste ein Kreuz errichten, um Blutrache zu verhindern.

 

Schwedenkreuz (historisch)

Ein Kreuz, das tatsächlich in Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg errichtet wurde – sehr selten, aber es gibt belegte Beispiele.

 

„Schwedenkreuz“ (volkstümlich)

 

Im Waldviertel sehr häufig: Ein Kreuz heißt „Schwedenkreuz“, weil darüber Geschichten entstanden sind – nicht, weil Schweden jemals damit zu tun hatten.

 

Bild 1: Hochkreuz

Bild 2: Steinkreuz/Flurkreuz

Bild 3: Sühnekreuz

Bild 4: Schwedenkreuz

 


Vier bemerkenswerte Kreuze im Waldviertel

 

1. Das Schwedenkreuz bei der Anderlfabrik (Kleedorf / Gemeinde Schrems)

 

Unweit der alten Anderlfabrik steht ein schlichtes Steinkreuz, das lokal als „Schwedenkreuz“ bezeichnet wird. Gesicherte historische Dokumente fehlen – es gibt weder Aufzeichnungen über seine Errichtung noch Hinweise auf einen tatsächlichen Bezug zu den Schweden des Dreißigjährigen Krieges.

 

 

Genau das macht es so spannend: Dieses Kreuz zeigt exemplarisch, wie sehr Volkserzählung und Überlieferung darüber entscheiden, wie ein Ort wahrgenommen wird. Ein einfaches Steinmal wird im Laufe der Zeit zum Träger einer Geschichte – und lebt dadurch weiter.

 


2. Das Steinkreuz bei Schrems (nahe Steinbruch / Motocross-Gelände)

 

Dieses Kreuz steht gut sichtbar am Rand eines Parkplatzes, in der Nähe eines Steinbruchs bzw. der Motocross-Strecke. Auch hier wird der Name „Schwedenkreuz“ verwendet, und auch hier existiert keine historische Belegung.

 

 

Vermutlich handelt es sich um ein Flurdenkmal – möglicherweise ein Grenz- oder Erinnerungskreuz. Doch wie so oft im Waldviertel wurde über die Generationen hinweg eine „Schwedensage“ daraus.

 


3. Das Schwedenkreuz in Dietmanns (Gemeinde Großdietmanns)

 

Dieses Kreuz ist eines der wenigen, bei denen mehr historische Substanz vorhanden ist. Es trägt die Jahreszahl 1645 – das Ende des Dreißigjährigen Krieges und die Zeit, in der tatsächlich schwedische Truppen unter General Torstenson durch das Waldviertel zogen.

 

Nach Überlieferung eines früheren Pfarrers könnte es sich um ein Sühnekreuz handeln, also ein Kreuz, das wegen eines Totschlags errichtet wurde. Das Original stand früher bei einer Eisenbahnbrücke und wurde 2006 restauriert und an den heutigen Standort versetzt. Heute markiert es den Beginn des Schwedenkreuzwegs und ist gut zugänglich.

 

 

Dies ist ein Beispiel dafür, wie Gemeinden aktiv Geschichte pflegen.

 


4. Das Steinkreuz im Bannwald bei Groß-Schönau (Richtung Oberwindhag)

 

Tief im Wald, zwischen Groß-Schönau und Oberwindhag, steht ein geheimnisvolles altes Steinkreuz. Keine Jahreszahl, keine Dokumente, keine sichere Herkunft – und gerade darum wird es häufig mit Sagen verbunden.

 

Manche erzählen von alten Unglücken, andere von Grenzstreitigkeiten oder Ereignissen während der Schwedenkriege. Historisch belegt ist nichts – aber dieses Kreuz verkörpert perfekt, wie Landschaft und Mythos im Waldviertel verschmelzen.

 

 

Es ist eines jener „Kreuze des Schweigens“, die mehr Fragen stellen als Antworten geben – und gerade dadurch faszinieren.

 

 

Die gruselige Sage vom Steinkreuz im Bannwald

 

Im Bannwald zwischen Groß-Schönau und Oberwindhag, wo selbst am helllichten Tag kaum ein Sonnenstrahl bis zum Boden dringt, erzählen die Menschen eine alte Geschichte – leise, als fürchteten sie, der Wald könnte zuhören.

 

Der Holzknecht, der nicht zurückkam

 

Vor langer Zeit arbeitete ein Holzknecht tief im Wald. Er kannte die gefährlichen Senken und Sümpfe, die Wurzelgruben und die Stille, die manchmal wie ein lebendiges Wesen wirkte.


Doch eines Abends, so heißt es, hörten die anderen Arbeiter plötzlich ein unnatürliches, scharfes Echo – als komme ein letzter Axthieb aus einer Richtung, aus der niemand hätte sein dürfen.

 

Als die Männer ihn suchten, fanden sie seine Axt, halb im Boden versunken, und daneben erschütternd tiefe Fußabdrücke, die in eine Richtung führten, wo es keine Wege gab… und die plötzlich einfach endeten.


Kein Körper.
Keine Spur.
Nur Stille.

 

Das Hämmern in der Nacht

 

Wer nachts am Kreuz vorbeikommt – und das tun nur wenige freiwillig – berichtet von einem rhythmischen Klopfen, wie ein einzelner Axthieb, der sich durch die Bäume frisst.


Manche schwören, dass der Klang immer näher kommt, bis er direkt hinter einem steht… aber wenn man sich umdreht, ist da nur Dunkelheit.

 

Andere sprechen von einer gebeugten Gestalt, die am Kreuz steht, sich nicht bewegt und kein Gesicht zu haben scheint.


Sobald man hinblickt, verschwindet sie lautlos zwischen den Stämmen.

 

Warum das Kreuz errichtet wurde

 

Dort, wo die Spuren des Holzknechts endeten, stellten die Menschen des Dorfes ein Kreuz auf – aus Angst, aus Respekt oder einfach, weil der Wald sie dazu zwang.


Man sagt, das Kreuz „halte etwas fest“, und solange es steht, bleibe das Dunkle im Wald gebunden.

 

 

Doch manchmal… wenn Nebel vom Tal heraufzieht… sieht man tief im Bannwald einen Schatten, der eine Axt über der Schulter trägt und langsam zwischen den Bäumen geht – immer dort, wo kein Weg sein sollte.


Fazit

 

 

Die Kreuze im Waldviertel sind stille Zeugen – oft unbeachtet, manchmal fast vergessen. Doch wer stehen bleibt, entdeckt hinter jedem dieser Steine ein Stück Geschichte, ein Stück Glaube, ein Stück Identität. Manche erzählen von Krieg und Not, andere von Dankbarkeit oder tragischen Ereignissen. Und wieder andere schweigen – und gerade darin liegt ihre Kraft.


Quellen

 

 

  • Fritz F. Steininger, Peter Ableidinger & Reinhard Roetzel: „Die Steinkreuze des Waldviertels“, Krahuletz-Museum (PDF).

  • Gemeinde Großdietmanns: Informationen zum Schwedenkreuz in Dietmanns, Restaurierung & Geschichte.

  • Pflanzenwelten.at: Allgemeines zu Steinkreuzen, Bildstöcken und Kleindenkmälern in Niederösterreich.